Der Klavierflüsterer: Die Wahre Geschichte Eines Unwahrscheinlichen Lebens

Der Klavierflüsterer: Die Wahre Geschichte Eines Unwahrscheinlichen Lebens

Autor : Arno Stocker
Geschlecht : Bücher, Film, Kunst & Kultur, Musik,
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Format : PDF, ePub

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Der Klavierflüsterer: Die Wahre Geschichte Eines Unwahrscheinlichen Lebens

Über den Autor und weitere Mitwirkende Arno Stocker, seit seiner Geburt 1956 spastisch behindert, ist ein international renommierter Klavierstimmer und Restaurator. Er ging bei namhaften Klavierbauern in die Lehre und besuchte auf Einladung von Maria Callas die Juilliard School of Music in New York. Für Pianisten wie Vladimir Horowitz stimmte er den Flügel und arbeitete in den USA für Steinway. Heute ist er als Berater und Klavierstimmer für die Enrico Caruso Agentur tätig, die von seiner Frau Karin 2005 gegründet wurde. Er lebt in Bernau am Chiemsee. Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. VorwortLebe deinen Traum - das klingt mittlerweile wie ein Werbespruch für irgendein Diätprodukt, ein schnittiges Auto oder eine Fernreise. All inclusive, versteht sich. Das Motto könnte viel besser auf die Lebensgeschichte von Arno Stocker passen, aber ich bin mir nicht sicher, seit wann ihm selber klar war, wie sein Lebenstraum aussieht. Nur eines muss schon dem kleinen, schwer behinderten Jungen bewusst gewesen sein: Musik sollte sein Leben bestimmen. Seit nunmehr über 15 Jahren bin ich als »Talkmasterin« für den WDR auf Menschensuche. Meine Redaktion und ich stellen Woche für Woche Gesprächsrunden zusammen, von denen wir meinen, dass das Fernsehpublikum sie spannend findet. Und - ganz egoistisch - ich möchte auch interessante Persönlichkeiten kennenlernen, prominente, aber auch nicht prominente. Als mein Redakteur Ingo Fulfs in der Redaktionskonferenz des Kölner Treff von Arno Stocker erzählte, fragte ich mehrfach nach. Es klang alles unglaublich. Dieser Mann war mit einer schweren Behinderung auf die Welt gekommen, konnte Arme und Beine nicht koordiniert bewegen und hat dann Klavier spielen gelernt? Er konnte nicht einmal sprechen, hat aber durch Enrico Carusos Schallplatten die Sprache gefunden? Maria Callas, die »Göttliche«, hat ihn nach New York eingeladen, nachdem sie Briefe von ihm gelesen hatte? Auch schien dieser Mann verwegen zu sein, hatte er doch erst vor kurzem eine ungewöhnliche Neuerscheinung auf den Markt gebracht. Farinetti meets Caruso, so der Titel seiner CD, konnte für sich in Anspruch nehmen, eine Revolution der Tonträgergeschichte einzuläuten. Alte Tondokumente des bedeutendsten Sängers aller Zeiten hat Arno Stocker digital neu bearbeitet und damit authentisch erlebbar gemacht! Eine Innovation, mehr noch: eine Provokation für Klassik-Gralshüter! Mehr als gespannt war ich auf diesen außergewöhnlichen Menschen, der sämtliche schicksalsbedingte Einschränkungen außer Kraft zu setzen schien. Ich traf auf einen freundlichen, zugewandten, aufmerksamen Mann, dem ich nicht einmal anmerkte, dass auch sein Sehvermögen stark eingeschränkt ist. Ich ertappe mich dabei, dass ich hier gleich etwas erwähne, was in Arnos Leben untergeordnet ist. Er erfasst die Welt und damit auch seine Mitmenschen durch sein Gehör. Im Gespräch mit ihm fächert sich nach und nach eine beeindruckende, aber auch bedrückende Biografie voller Irrungen und Wirrungen auf. Der kleine, spastisch behinderte Junge überwindet sein enges, kleingeistiges Umfeld. Er wird nicht etwa böse oder zynisch, sondern über Phasen der Verzweiflung hinweg immer mehr zu einem Mann mit menschlicher Güte und Weitsicht. Ganz allein hat er dies sicher nicht schaffen können. Aus Arnos Umfeld ragt eine Lichtgestalt heraus: sein Großvater mütterlicherseits, ein Werftarbeiter, der seine musikalische Phantasie in einer Parallelwelt auslebt, in die er seinen Enkel mitnimmt. In was für einer Zeit leben wir? Im »Kommunikationszeitalter«! Alles scheint möglich, jeder ist jederzeit erreichbar, zumindest virtuell. Und vor nicht allzu langer Zeit: Es klingt fast wie im Märchen, dass der Großvater seinen Lieblingsenkel im wahrsten Sinne des Wortes huckepack nimmt und nach Hamburg schleppt, wo Maria Callas singt. Die Eintrittskarten sind unerschwinglich, aber sehen soll der Kleine sie, ihre Aura spüren, von ihr inspiriert werden. Mehr von diesem Lebensabenteuer im Buch! Von manchen ihm nahestehenden Menschen musste er enttäuscht gewesen sein, sicher auch von den verunsicherten Eltern, die so gar nicht wussten, was aus dieser vermeintlich armen Kreatur einmal werden sollte. Aber es gab doch Leben, wahres Leben in der Welt der Musik, und seine Lieblingsinstrumente, die Klaviere, hatten sie nicht auch eine Seele? Waren sie es nicht wert, lebenslange Wegbegleiter zu werden, regelrechte Familienmitglieder? »Enrico Caruso Agentur« steht aui dem Schild des Wohn- und Arbeitshauses in Bernau. 150 Meter über dem Chiemsee, zwischen einem Schloss und Streuwiesen gelegen, pure ländliche Idylle. Hier restauriert Arno Stocker Klaviere, im ganzen Haus hängen Bilder mit christlichen Motiven, daneben viele Portraits von Maria Callas und Enrico Caruso. In meiner Fernseh-Gäste-Runde sitzt der Klavierstimmer und Lebensmeisterer Arno Stocker neben dem Schauspieler Christian Berkel und der Star-Köchin Cornelia Poletto. Katerina Jacob strahlt vor guter Laune, Rolf Eden, lebendes Symbol für Jahrzehnte des mondänen Berliner Nachtlebens, blickt selbstsicher auf sein potentes Nachtleben in früheren Zeiten zurück.Arno Stocker wirkt in der Runde verbindlich und freundlich. Und selbstbewusst. Er erzählt von seinem Leben, auf dessen Verlauf viele Menschen in seinen ersten Jahren nicht viel gewettet hätten.Es bleibt mir ein Rätsel, woher er die Kraft nahm, seinen Traum immer wieder neu zu definieren und dafür zu kämpfen. So viele Niederlagen! So viel Neubeginn!Er erweckt nicht nur Klaviere wieder zum Leben.Nach der Live-Sendung kam ich ins Gespräch mit seiner Ehefrau Karin, die von umwerfender Freundlichkeit und Lebenslust ist.Welch eine Begegnung mit den beiden!Und dann denke ich: Wir sind nicht in der Werbung. Den eigenen Traum leben können wir trotzdem. Auch wenn es manchmal ganz schön anstrengend ist! Aber lesen Sie selbst. Bettina Böttinger Moderatorin der WDR-Talkshow Kölner TreffErstes KapitelDer Klavierflüsterer wartet darauf, dass die Talkshow beginnt. Was wird er berichten? Dass er das erstaunlichste Klavier der Welt gebaut hat? Keine schlechte Idee. Aber erst einmal ist für jeden offensichtlich, dass der Klavierflüsterer ein spastisch Behinderter ist. Muss er also genau darüber Auskunft geben? Oder hängt am Ende alles zusammen? Klavier, Behinderung?Ich werde also dasitzen in einem Fernsehstudio des Westdeutschen Rundfunks in Köln und über mein Leben sprechen. Ich werde am Abend in Anzug und Krawatte zwischen prominenten Schauspielern, Musikern, Starköchinnen und der schönsten Bundestagsabgeordneten sitzen. Ich werde einer jener Auserwählten sein, deren Geschichten und Meinungen so interessant sind, dass sie live in Millionen Wohnzimmer übertragen werden. Ich bin Arno, der Klavierflüsterer. Ich werde in heißem Scheinwerferlicht in einem Sessel sitzen und wissen, dass elektronische Augen auf mich gerichtet sind. Und auf Karin, die im Studiopublikum an einem Bistrotisch Platz nehmen wird. Ich werde weder meine Gesprächspartner noch Karin deutlich erkennen. Ich werde dasitzen und den anderen zuhören und versuchen, Karin irgendwo vor mir im Schemenhaften zu erkennen. Noch im Hotel sagte sie: »Arno, die rote Klavierkrawatte steht dir ausgezeichnet, mit der kommst du perfekt rüber.« Ich werde fast blind der Unterhaltung von Menschen lauschen, die jeder schon einmal irgendwo gesehen hat, und warten, bis Bettina Böttinger mir das Wort erteilt. Frau Böttinger wird fragen: »Herr Stocker, Enrico Caruso ist der bedeutendste aller Tenöre. Was hat Caruso für Sie in Ihrem Leben bedeutet?« Und ich werde antworten: »Enrico Caruso hat mir die Sprache und er hat mir die Stimme gegeben.« Wie viele Menschen werden in diesem Moment diesen Satz gehört haben? Die Einschaltquoten kommen erst morgen Vormittag hereingeflattert, wenn Karin und ich längst wieder daheim sind in Bernau am Chiemsee. Stimmt diese Aussage überhaupt? Müsste ich nicht viel deutlicher sagen: Enrico Caruso, obwohl schon lange zuvor gestorben, hat mir, dem spastisch gelähmten Jungen, das Sprechen überhaupt erst beigebracht? Muss ich nicht sagen: Caruso war mein Musiktherapeut? Denn so war es: Frühgeburt, Sauerstoffmangel im Gehirn, Fehlbildungen aller vier Gliedmaßen, extreme Sehschwäche, Zungenblockade. Bis zu meinem fünften Lebensjahr brachte ich fast kein Wort unfallfrei heraus, bis dahin vermochte mein von Geburt an geschädigter Sprechapparat nur die wenigsten Konsonanten...

24/7: Schlaflos Im Spätkapitalismus

24/7: Schlaflos Im Spätkapitalismus

Autor : Jonathan Crary
Geschlecht : Kindle-Shop, Kindle eBooks, Politik & Geschichte,
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